Der Gipfel des Kaffeegenusses
Der deutsche Kaffee-Experte Dr. Steffen Schwarz und seine Ode an den Schweizer Café crème. Gerne würde er diesem noch viel, viel mehr Beachtung zugestehen.
Während ich diese Zeilen schreibe, wird es mir sehr bewusst – ich bin kein Schweizer –, und wahrscheinlich ist, dass das große Geheimnis, warum es mir leichter fällt, etwas mit den Augen eines Außenstehenden klarer zu sehen. Ich darf kritisch laut denken, hinterfragen, darstellen und auch bewundern. Voll kommen neutral und ohne politisch Gefahr zu laufen, voreingenommen zu sein. Ich möchte zugleich aber auch an den Stolz und die Tradition der Schweizer appellieren, sich dieser einmaligen und einzigartigen Kaffeespezialität und ihrer besonderen Tradition und ihrer technischen Finessen bewusst zu werden, diese Kaffeekultur zu pflegen und fortzuführen. Es gibt mehr als italienischen Kaffee und Espresso – den ich sehr schätze –, es gilt nur auch beim Café crème endlich zu erkennen, was eigentlich dahinter steckt und dass dieses Produkt alles andere als „old fashioned“ ist. Es handelt sich nämlich um das modernste und technisch komplexeste Kaffeegetränk – sowohl in der Röstung als auch in der Zubereitung. Es ist nun bereits einige Jahre her, dass ich zum 1. Schweizer Kaffeetag nach Mannheim eingeladen hatte – mit dem Ziel, ein neues Bewusstsein für den Café crème zu schaffen, und ihm dabei zu einer Renaissance zu verhelfen. Schweizer Kaffeeröster und Schweizer Kaffeemaschinenhersteller waren nach Mannheim eingeladen, um gemeinsam über die Traditionen, Hintergründe und insbesondere die Zukunft dieser einzigartigen Kaffeespezialität zu diskutieren. Erstaunlich gering war die Resonanz. Dennoch waren sich die Teilnehmenden einig und spätestens nach diesem ersten Treffen bewusst, wie wichtig, interessant und zukunftsträchtig zu gleich diese eidgenössische Kaffeespezialität ist.
„CAFÉ CRÈME“bezeichnet zunächst einmal einen Kaffee, der unter Druck aus einer Kolbenkaffeemaschine zubereitet wird. Traditionell wurde diese aus der Schweiz stammende Kaffeespezialität so bezeichnet wegen der Zugabe von flüssigem Rahm (frz. crème). In Deutschland wird dieser Kaffee wegen der oberflächlichen Crema, dem „Kaffeeschaum“, auch fälschlich als „Schümli“ -Kaffee oder einfach „Schümli“ bezeichnet. Zutreffender wäre die Bezeichnung „Kolbenkaffee“, da es sich um eine Kaffeemischung handelt, die speziell für die Zubereitung in einer Kolbenkaffeemaschine kreiert wurde. Der Café crème wird in Norditalien auch noch als „caffè crema“ bezeichnet. Die genaue Entstehung des Café crème ist leider derzeit noch nicht in den letzten Details belegt. Sicher ist dennoch, dass er seinen großen Siegeszug in den 1980er Jahren antrat. Der Café crème besitzt ebenso wie der Espresso und der Filterkaffee eine eigene Röstung und ein eigenständiges Zubereitungsverfahren, das in die Gruppe der Druckverfahren gehört. Der Café crème umfasst ein Volumen von 150 ml bis 240 ml und erreicht damit das Volumen einer Tasse Filterkaffee. Da es sich nicht um ein Filtrationsverfahren, sondern wie erwähnt ein Druck verfahren handelt, ist die Mahlung feiner als beim Filterkaffee, jedoch etwas gröber als der Mahlgrad beim Espresso.
Angestellte Vergleiche mit einem Caffè Americano sind nur in Bezug auf das Getränkevolumen korrekt. Beim Caffè Americano handelt es sich um einen normalen Espresso, der später durch Zugabe von heißem Wasser auf rund 200 ml aufgegossen wird. Teilweise wird der Espresso auch in eine mit Heißwasser vorbefüllte Tasse eingefüllt, um eine Auskühlung des Espresso und eine damit ein her gehende Veresterungsreaktion zu vermeiden. Der Café crème wird im Gegensatz hierzu vollständig in einer Extraktionszeit von rund 20 bis 30 Sekunden durch den Kaffee gebrüht. Bei korrekter Einstellung der Maschine und guter Kaffeequalität ist eine Vorbrühung nicht erforderlich, sondern einer guten Entwicklung des Flavour-Profils sogar abträglich. Dem Caffè Americano fehlen die fruchtigen Töne und der volle Körper des Café crème.
Der CAFÉ CRÈME verdankt seine Verbreitung einer Berufsgruppe, die bereits in den 1980er Jahren gut vernetzt war und diesen Kaffee aus der Schweiz kannte – die Fernfahrer. Durch CB-Funk und gegen seitige Informationen über Standorte von Kolbenkaffeemaschinen an Rasthöfen erzeugten sie einen hohen Druck bei den Tank- und Raststättenbetreibern für die Anschaffung von Kolbenkaffeemaschinen und leiteten die Verdrängung der Filterkaffeemaschinen ein.
Niemand vergleicht eine Filterkaffeemaschine mit einer Espressomaschine oder leitet den Rückschluss ab, dass die Filtermaschine eine schlechtere Espressomaschine ist, da jedem bewusst ist, dass es sich um andere Techniken und andere resultierende Extraktions verfahren handelt. Ebenso unsinnig wäre es, einen Koch topf als schlechteren Backofen zu bezeichnen, wobei beide der thermischen Zubereitung von Speisen dienen. Zum Glück gibt es keinen „Vollthermisierer“ und die Küchenbranche hat sich eine solche anenzephale Neologie erspart. Ebenso irrsinnig und schädigend für den guten Geschmack eines Kolbenkaffees ist Geiz beim Wareneinsatz. Immer noch setzen unverbesserliche Röstereien im Kampf um Niedrigpreise und analoge Qualitäten auf Begriffe wie „Ergiebigkeit“ und versuchen, mit staubfeinsten Mahlungen, Höchsttemperaturen und Vorbrühungen das Letzte oder sogar Aller letzte aus dem Kaffee herauszuholen (meist bittere und unverträgliche Gerbsäuren). Und alles im Auftrag der Gier oder des Geizes (oder hoffentlich vielleicht doch nur der Unwissenheit) des Kunden (Gastronomen, Hoteliers oder Bäcker), der glaubt, hofft oder wünscht, aus 6 bis 9 Gramm Kaffeemehl eine Tasse Kaffee zubereiten zu können. Nur die Überwindung der Grenzen von Physik und Chemie könnte dies auf unserem Planeten zulassen. Die Grenzen einer sinnvollen Extraktion liegen bei 18 bis 22 Prozent und für einen Liter Kaffee müssen rund 50 bis 60 Gramm Kaffeemehl eingesetzt werden. Ein Wareneinsatz von 12 bis 14 Gramm führt daher zu einem Ergebnis und Erlebnis in der Tasse, die Kunden zu Stammkunden machen und Kaffee als Café crème zu einem waren Genusserlebnis führen.
Dieser Genuss und das besondere Geschmacksprofil verdankt der Café crème neben der Kolbentechnologie übrigens einer besonderen Röstung – die leider vielerorts in Vergessenheit geraten ist. Eine Röstung in mindestens drei verschiedenen Rösttiefen (hell, mittel und dunkel), um dem Café crème sowohl fruchtige Töne, als auch eine ausgeprägte Süße und einen vollmundigen Körper zu verleihen. Eine großartige Idee mit einem noch großartigeren Ergebnis im Flavour-Profil. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ der wahre, echte Café crème – der Gipfel der Kaffeegenüsse. Schade nur, dass der von so wenigen geschätzt und gelebt wird und niemand versucht, eine gemeinsame Definition eines Qualitätsstandards abzugeben. Für Espresso und Filterkaffee gibt es das ja – aber da stehen ja auch interessierte Röstereien und Kaffeetechnikunternehmen da hinter, mit einem (nicht nur italienischen) Qualitätsbewusstsein.
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Dr. Steffen Schwarz ist international anerkannter Experte im Breich Kaffee, Unternehmer und Dozent.
Als Gründer des Coffee Consulate in Mannheim widmet er sich seit vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Kaffees. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und umfasst Themen wie Kaffeequalität, Sensorik, nachhaltigen Anbau sowie die Verarbeitung und Zubereitung von Kaffee.
Mit seiner langjährigen Expertise berät er Unternehmen weltweit, entwickelt Bildungsprogramme für die Kaffeebranche und engagiert sich für einen verantwortungsvollen und qualitätsorientierten Umgang mit Kaffee. Als Autor vermittelt Dr. Steffen Schwarz komplexes Fachwissen verständlich und praxisnah und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern neue Perspektiven auf eines der faszinierendsten Genussmittel der Welt.