Bohnen und Grenzen – Wie der Handel innerhalb der EU die Herkunftsangaben verschleiert
Auf dem Papier stammt der Kaffee aus Kolumbien. Oder vielleicht aus Brasilien. Doch wenn er in einem Café in Paris, einer Rösterei in Warschau oder einem Supermarkt in Stockholm ankommt, lautet seine Herkunftsmangabe möglicherweise: Deutschland, die Niederlande oder Belgien. Irgendwo zwischen der Zollanmeldung und dem Etikett im Einzelhandel verschwindet der Ort, an dem der Kaffee angebaut wurde.
Das ist das Paradoxon des innergemeinschaftlichen Kaffeehandels in Europa – ein System, das so effizient, integriert und konsolidiert ist, dass es nicht mehr klar zwischen Erzeuger und Verarbeiter, zwischen Exporteur und Reexporteur unterscheidet. Stattdessen ersetzt es den Boden durch das System und verschleiert damit eine der grundlegendsten Wahrheiten in der Welt des Kaffees: die Herkunft der Bohne.
Der European Coffee Report 2023/2024 skizziert das Ausmaß dieser Undurchsichtigkeit. Während die Gesamtimporte von Rohkaffee nach Europa im vergangenen Jahr um über 10 % zurückgingen, bleiben die Reexporte innerhalb der EU robust. Allein Deutschland reexportierte über 90.000 Tonnen Kaffee, ein Großteil davon geröstet und umverpackt, aber ein erheblicher Anteil immer noch in roher Form. Auch die Niederlande, Belgien und Italien spielen eine zentrale Rolle – nicht nur als Absatzmärkte, sondern auch als Verarbeiter von Rohkaffee. Was als honduranischer Kaffee eintrifft, kann als niederländischer Kaffee wieder ausgeführt werden.
Das Problem ist nicht nur semantischer Natur. Bei Kaffee ist die Herkunft nicht bloß ein geografischer Ort – sie ist ein sensorischer, politischer und wirtschaftlicher Indikator. Sie bestimmt das Geschmacksprofil, den Preis und sogar die Wahrnehmung. Die Herkunft beeinflusst Zertifizierung, Rückverfolgbarkeit und Marktpositionierung. Für die Bauern ist die Herkunft oft die einzige Verbindung zwischen ihrer Arbeit und dem Endverkauf. Für die Verbraucher ist sie ein Indikator für Qualität, Ethik und Geschmack.
Doch im EU-Binnenmarkt, wo Zollschranken weggefallen sind und Umkennzeichnungspraktiken weit verbreitet sind, geht diese Herkunft leicht verloren. Nach den derzeitigen Handelsmeldestrukturen werden Kaffeeströme innerhalb der EU oft nach Versandort und nicht nach Anbauort erfasst. Ein polnisches Café, das Kaffee aus Hamburg importiert, bekommt die brasilianische Farm hinter der Tasse vielleicht nie zu sehen – nur eine deutsche Rechnung, einen niederländischen Lagerstempel oder eine europäische Röstmarke.
Das ist wichtig. Es ist wichtig, weil es bei Transparenz nicht nur um Etiketten geht – es geht um Verantwortlichkeit. Wenn Kaffee durch zahlreiche Hände, Häfen und Verpackungsbetriebe wandert, besteht die Gefahr, dass seine Geschichte umgeschrieben oder ausgelöscht wird. Für Kleinproduzenten, die versuchen, sich durch Mikro-Lots, seltene Sorten oder regenerative Anbaumethoden von anderen abzuheben, kann diese Unsichtbarkeit fatal für den Marktwert sein.
Und es ist wichtig, weil Rückverfolgbarkeit das Rückgrat der angewandten Kaffeewissenschaft ist. Ob es darum geht, Röstkurven für höhenabhängige Bohnen zu kalibrieren oder die Auswirkungen der Agroforstwirtschaft auf die Nachhaltigkeit zu bewerten – Daten ohne verlässliche Herkunftsangabe sind wertlose Daten. Wissenschaftliche Forschung, Einkaufsentscheidungen und Qualitätssicherung hängen alle davon ab, nicht nur zu wissen, was der Kaffee ist, sondern auch, woher er stammt.
Das soll nicht heißen, dass der Handel innerhalb der EU von Natur aus problematisch ist. Er ist ein Eckpfeiler der europäischen Kaffeeindustrie – er fördert Effizienz, Angebotsvielfalt und schnelle Distribution. Aber es ist ein System, das auf den Warenfluss ausgelegt ist, nicht auf die Geschichte. Und da die Nachfrage nach Herkunftstransparenz steigt, wird die Undurchsichtigkeit des Systems zu einem Nachteil.
traceability of coffee
Es gibt Lösungen. Eine verbesserte Harmonisierung der Zollmeldungen könnte eine doppelte Kodierung beinhalten: eine für den letzten Ausfuhrort und eine weitere für das Anbauland. EU-weite Standards für die Herkunftskennzeichnung – insbesondere für geröstete und gemischte Produkte – könnten an Rückverfolgbarkeitsschwellen geknüpft werden. Einzelhändler und Röster könnten freiwillig Praktiken zur Offenlegung der Herkunft als Wettbewerbsvorteil einführen. Und digitale Rückverfolgungssysteme könnten Bohnen über QR-Codes, Blockchain oder überprüfbare Chargenhistorien mit den Farmen verknüpfen.
Das sind nicht nur technische Anpassungen. Es sind politische Entscheidungen darüber, welche Art von Kaffeewirtschaft Europa aufbauen will. Eine Wirtschaft, die Transparenz und die Würde der Herkunft belohnt – oder eine, die diese stillschweigend zugunsten des Volumens nivelliert.
Derzeit reist die Bohne grenzenlos. Doch wenn wir ihre Bedeutung bewahren wollen, müssen wir vielleicht wieder einige Anker setzen. Keine Barrieren – sondern Leuchtfeuer. Damit der Ort, an dem Kaffee wächst, niemals an dem Ort verloren geht, an dem er konsumiert wird.
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Autor:
Dr. Steffen Schwarz
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