Sensorik als Navigationskarte
Wie moderne Control Charts die Kaffeeextraktion mit Konsumentenpräferenzen und Aromaprofilen verbinden
Wie moderne Control Charts die Kaffeeextraktion mit Konsumentenpräferenzen und Aromaprofilen verbinden
In der Geschichte der Kaffeezubereitung galt lange eine einfache Maxime: Es gibt eine ideale Zone, in der der Kaffee weder über- noch unterextrahiert ist – ein schmaler Grat, irgendwo zwischen Bitterkeit und Säure, zwischen dünn und überkonzentriert. Diese Idealzone wurde über Jahrzehnte als Zentrum der sogenannten Brewing Control Chart dargestellt, entwickelt in den 1950er Jahren durch das Coffee Brewing Institute.
Doch die sensorische Realität ist weit komplexer. Kaffeearomen lassen sich nicht in drei Schlagworte wie „schwach“, „stark“ und „bitter“ einfangen. Konsumentenvorlieben folgen nicht linearen Achsen, sondern emotionalen Assoziationen, Erinnerungen, kulturellen Codes. Und die Vielfalt der möglichen sensorischen Ausprägungen übersteigt die Vorstellung eines einzigen idealen Punktes bei Weitem.
Was es braucht, ist ein neues Navigationsinstrument. Eine Karte, die nicht nur Stärke und Ausbeute abbildet, sondern auch sensorische Attribute und Konsumentenakzeptanz integriert. Eine Karte, die der Branche erlaubt, Kaffees nicht nur technisch korrekt, sondern geschmacklich gezielt zu gestalten. Genau das ist mit der neuen Coffee Brewing Control Chart gelungen – entwickelt am UC Davis Coffee Center durch eine Serie von Studien mit beeindruckender Tiefe und Datenfülle.
Von der Dreiecksbeziehung zur Sensorik-Landkarte
Die klassische Control Chart bildet drei zentrale Parameter ab: TDS (brew strength), Extraction Yield (E), und das Brühverhältnis (brew ratio). Aufgetragen auf einem zweidimensionalen Koordinatensystem mit diagonalen Linien ergibt sich eine Zone, in der Kaffee „richtig“ extrahiert ist. Doch diese Darstellung kennt keine Fruchtigkeit, keine Schokoladennoten, keine floralen Spitzen. Sie differenziert nicht zwischen Geschmack und Aroma, nicht zwischen sensorischer Intensität und Konsumentenurteil.
Die neue Control Chart geht hier deutlich weiter: Sie legt über das klassische Koordinatensystem eine sensorische Topographie – mit klar verorteten Aromen, deren Intensität über die Position auf der Karte steuerbar ist. Gleichzeitig wird die Landkarte ergänzt durch ein zweites Layer: Konsumentenpräferenzen, die auf Grundlage empirischer Daten aus umfangreichen Hedonic-Tests dargestellt werden. So entsteht ein dreidimensionaler Raum aus Technik, Sensorik und Marktverständnis.
Datenbasis: Drei Studien, eine Karte
Die wissenschaftliche Grundlage der neuen Chart bildet eine Serie von drei miteinander verbundenen Studien. In der ersten wurden 27 Kaffees (drei TDS-Stufen × drei Ausbeuten × drei Röststufen) von einem trainierten Sensorikpanel auf 30 sensorische Attribute hin bewertet. In der zweiten Studie wurde der Einfluss der Brühwassertemperatur (87, 90, 93 °C) bei identischen TDS- und PE-Stufen untersucht. In der dritten Studie bewerteten untrainierte Kaffeekonsumenten dieselben Proben hinsichtlich Geschmacksliking, Attributadäquatheit und freien Assoziationen.
Das Ergebnis: Über 32.000 sensorische Einzelbewertungen, ergänzt durch 3.000 Konsumentenurteile – ein Datenfundament, das es erlaubt, sensorische Attribute nicht nur statistisch zu verorten, sondern auch deren Relevanz für den Markt zu bewerten.
Sensorische Cluster und Konsumententypen
Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse der Analyse ist die Existenz unterschiedlicher Konsumentencluster mit klaren Präferenzmustern. Während ein Segment klare, kräftige, bittere und geröstete Aromen bevorzugt, tendiert ein anderes zu milderen, fruchtigen und „süßeren“ Profilen. Diese Cluster lassen sich direkt auf der Karte abbilden – als unterschiedliche Zonen der höchsten Akzeptanz. Damit wird offensichtlich: Es gibt nicht die ideale Tasse, sondern mehrere sensorisch definierte Zielräume, die unterschiedliche Konsumenten ansprechen. Was für eine dunkle Röstung mit hohem TDS und starker Ausbeute ein sensorisches Ziel sein kann, wird von anderen Gruppen als zu bitter oder überextrahiert abgelehnt.
Die neue Chart erlaubt es, diese Unterschiede sichtbar zu machen – und gezielt zu navigieren.
Sensorik ist steuerbar – gezielter als gedacht
Ein weiteres zentrales Ergebnis: Viele sensorische Attribute zeigen klar strukturierte Veränderungen entlang der TDS- und PE-Achsen. Bitterkeit und Röstnoten steigen mit der Extraktion, florale Noten und Fruchtigkeit zeigen sich besonders bei moderater Ausbeute und niedrigem TDS. Adstringenz, Viskosität und Körper lassen sich durch gezielte Parameterwahl intensivieren oder reduzieren. Selbst Attribute wie „citrus“, „berry“ oder „brown spice“ haben klar verortbare Bereiche auf der Karte – vergleichbar mit Höhenlinien auf einer geographischen Karte.
Das bedeutet für die Praxis: Wer sensorisch bestimmte Profile erzeugen will, braucht kein Trial-and-Error. Die neue Chart liefert eine Planungsgrundlage – präzise, datenbasiert, reproduzierbar.
Anwendung in der Praxis: Vom Röstprofil bis zum Getränkedesign
Für Röster:innen bietet die Karte die Möglichkeit, ihre Röstprofile so zu gestalten, dass sie gezielt in jene Zonen führen, die von ihrer Zielgruppe bevorzugt werden. Für Baristas wird es einfacher, mit kleinen Anpassungen an Brühverhältnis, Ausbeute und Konzentration unterschiedliche sensorische Ergebnisse zu erzeugen – ohne den Kaffee selbst zu verändern.
Für Produktentwickler:innen – ob in der Gastronomie oder im RTD-Bereich – ist die Karte ein Instrument zur Entwicklung sensorischer Zielprodukte: Möchte ich einen trinkfertigen Kaffee mit klarer Fruchtigkeit und leichter Säure oder lieber ein kräftiges, geröstetes Aroma mit langer Texturwirkung? Die notwendigen Parameter lassen sich ableiten, simulieren und skalieren.
Kaffeewissenschaft wird designfähig
Vielleicht ist dies der eigentliche Paradigmenwechsel: Kaffeeextraktion ist nicht mehr nur ein technischer Prozess zur Gewinnung von löslichen Stoffen – sondern ein Designprozess, bei dem mit hoher Genauigkeit sensorische Profile erzeugt werden können. Die neue Control Chart wird damit zu einer Art architektonischem Werkzeug für Geschmack: eine Zeichenvorlage, die erlaubt, komplexe Aromenräume zielgerichtet zu erschließen.
Sie ersetzt nicht die Sensorik – aber sie macht sie planbar. Sie ersetzt nicht das Training – aber sie macht es messbar. Sie ersetzt nicht den Geschmack – aber sie schafft die Voraussetzung, ihn gezielt zu entwickeln.
Anhang – Literatur
Ein weiteres zentrales Ergebnis: Viele sensorische Attribute zeigen klar strukturierte Veränderungen entlang der TDS- und PE-Achsen. Bitterkeit und Röstnoten steigen mit der Extraktion, florale Noten und Fruchtigkeit zeigen sich besonders bei moderater Ausbeute und niedrigem TDS. Adstringenz, Viskosität und Körper lassen sich durch gezielte Parameterwahl intensivieren oder reduzieren. Selbst Attribute wie „citrus“, „berry“ oder „brown spice“ haben klar verortbare Bereiche auf der Karte – vergleichbar mit Höhenlinien auf einer geographischen Karte.
Das bedeutet für die Praxis: Wer sensorisch bestimmte Profile erzeugen will, braucht kein Trial-and-Error. Die neue Chart liefert eine Planungsgrundlage – präzise, datenbasiert, reproduzierbar.
Anwendung in der Praxis: Vom Röstprofil bis zum Getränkedesign
Für Röster:innen bietet die Karte die Möglichkeit, ihre Röstprofile so zu gestalten, dass sie gezielt in jene Zonen führen, die von ihrer Zielgruppe bevorzugt werden. Für Baristas wird es einfacher, mit kleinen Anpassungen an Brühverhältnis, Ausbeute und Konzentration unterschiedliche sensorische Ergebnisse zu erzeugen – ohne den Kaffee selbst zu verändern.
Für Produktentwickler:innen – ob in der Gastronomie oder im RTD-Bereich – ist die Karte ein Instrument zur Entwicklung sensorischer Zielprodukte: Möchte ich einen trinkfertigen Kaffee mit klarer Fruchtigkeit und leichter Säure oder lieber ein kräftiges, geröstetes Aroma mit langer Texturwirkung? Die notwendigen Parameter lassen sich ableiten, simulieren und skalieren.
Kaffeewissenschaft wird designfähig
Vielleicht ist dies der eigentliche Paradigmenwechsel: Kaffeeextraktion ist nicht mehr nur ein technischer Prozess zur Gewinnung von löslichen Stoffen – sondern ein Designprozess, bei dem mit hoher Genauigkeit sensorische Profile erzeugt werden können. Die neue Control Chart wird damit zu einer Art architektonischem Werkzeug für Geschmack: eine Zeichenvorlage, die erlaubt, komplexe Aromenräume zielgerichtet zu erschließen.
Sie ersetzt nicht die Sensorik – aber sie macht sie planbar. Sie ersetzt nicht das Training – aber sie macht es messbar. Sie ersetzt nicht den Geschmack – aber sie schafft die Voraussetzung, ihn gezielt zu entwickeln.
Anhang – Literatur
- Guinard, J.-X., Frost, S., Batali, M., Cotter, A., Lim, L. X., & Ristenpart, W. D. (2023). A new Coffee Brewing Control Chart relating sensory properties and consumer liking to brew strength, extraction yield, and brew ratio. Journal of Food Science, 88, 2168–2177. https://doi.org/10.1111/1750-3841.16531
- Liang, J., Batali, M. E., Routt, C., Ristenpart, W. D., & Guinard, J.-X. (2024). Sensory analysis of the flavor profile of full immersion hot, room temperature, and cold brewed coffee over time. Scientific Reports. https://doi.org/10.1038/s41598-024-69867-6
- Liang, J., Chan, K. C., & Ristenpart, W. D. (2023). An Equilibrium Desorption Model for the Strength and Extraction Yield of Full Immersion Brewed Coffee. Research Square. https://www.researchsquare.com/article/rs-127037/v1
Autor:
Dr. Steffen Schwarz
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